Mittwoch, 10. September 2014

Der Preis eines Seelenhundes oder “A Pound of Flesh”

Der Begriff Seelenhund wird ja heute recht oft benutzt. Jeder Hundebesitzer liebt seine Hunde und versucht das auch zum Ausdruck zu bringen. Und ganz klar, wenn einer einen Seelenhund hat, hat der andere mindestens drei.


Auch ich habe in meinem Leben schon sehr viele Hunde besessen und auch sehr geliebt. Aber seit Luca weiß ich, dass man wirklich sehr tief mit einem Hund verbunden sein kann. Eine Verbindung die über die „normale“ Beziehung zu einem Hund hinausgeht. Im Banalsten ist es das „Arsch auf Eimer“ Prinzip, im abgehoben Sinn fast eine Symbiose. Es ist schon etwas dran an dem Spruch das man nicht unbedingt den Hund bekommt den man will, aber den Hund den man braucht.

Ich hatte nie geplant eine, geschweige denn drei Deutsche Doggen zu besitzen. Bevor ich Luca an einer Autobahnraststätte als Welpe fand, plante ich mir einen Gordon Setter zu kaufen und hatte schon einige Züchter in der engeren Auswahl. Ich bin mit Münsterländern, Irischen Settern, Heidewachteln und Teckel aufgewachsen. Meine Sophie war wohl ein Labrador-Setter Mix, und mir lagen Jagd- und Vorstehhunde schon immer.

Aber Erstens kommt es immer anderes, als man Zweitens denkt. Seelenhunde sind vielleicht zum Teil vorbestimmt, aber ich denke sie entwickeln sich auch dazu. Klein Luca stellte kurz nach seiner Ankunft bei mir Zuhause mein Leben mal eben auf den Kopf. Ich hatte schon einige Welpen gezogen und ging recht routiniert an Lucas Erziehung heran. Nur Luca fiel aus jedem mir bekannten Schema X. Er war nicht leicht zufrieden zu stellen mit Futter, Spiel, Schlaf und Zuwendung, nein, er wollte mehr und das bitte durchgehend. Wenn ich ihn auch nur Minuten alleine ließ, fing er jämmerlich an zu schreien. Nicht zu winseln, jaulen oder bellen, nein er schrie. Dabei war er nicht ängstlich oder verschreckt, nein er forderte mich nur sehr bestimmt dazu auf mich aller Zeit gefälligst in seinem Dunstkreis zu bewegen.



Da Trouble mein voriger Hund sehr ängstlich bis panisch von Natur aus war, hatte ich zu der Zeit eine etwas einseitige Prägung und deutete Lucas Geschrei als Verlustangst. Ja, ein mitleidiges Lächeln ist schon angesagt, der Bursche hatte mich in kürzester Zeit auf seinem Speed Dial und rief kontinuierlich durch. Es führte dazu, dass ich ihn kaum alleine lassen konnte. Ich nahm ihn also mit ins Büro, machte Home Office wie ich konnte, verminderte meine Geschäftsreisen usw. Je größer er wurde, je schwieriger wurde es ihn im geschäftlichen Bereich mitzunehmen. Über kurz oder lang wechselte ich meine Arbeitsstelle um volles Home Office zu haben. Luca hatte auf der ganzen Linie gewonnen, er hatte mich jetzt 24 Stunden fest in den Pfoten und bestimmte unseren Tagesablauf.

Luca hatte die Seele eines Bahnbeamten, man konnte die Uhr nach Luca stellen. Morgens Punkt 5:30 Uhr war die Nacht herum und spätestens um 6:00 Uhr war man auf der ersten Runde. Um 6:30 gab es das Frühstück, und wehe es war kein Leberwurstbrot dabei. Von 7:30 bis 12:00 Uhr mittags durfte ich arbeiten unter der Aufsicht von Luca der immer unter 1 m Distanz von mir schlief. Um 12:00 war die große Mittagsrunde angesagt. Ab 1:30 Uhr durfte ich wieder bis 16:00 Uhr arbeiten und dann war Abendessen angesagt. Danach durfte ich mich seiner Pflege und seinem körperlichen Wohlbefinden widmen, auch gerne mit ausgiebigen Massagen. Wenn ich kochte, war er bei mir in der Küche um vor zu kosten und zu stibitzen und abends beim Fernsehen gucken war natürlich kuscheln auf dem Sofa angesagt. Punkt 22:00 Uhr nach einer kurzen Abendrunde wollte der Herr ins Bett und natürlich nicht alleine.

Mir war lange nicht bewusst wie sehr Luca meinen Alltag bestimmte. Ich war der Meinung eine Routine tut einem Welpen gut, und Luca war der Meinung mit einer guten Routine hat er die Lage und mich besser im Griff. Es kam wie es kommen musste, Luca kam in die Pubertät und verselbstständigte sich weiter. Nur waren die Folgen für mich wesentlich unangenehmer, denn Luca pöbelte gerne. Er pöbelte andere Hunde an und natürlich auch Leute und zog mich Rodeo Style durch die Gegend. Unsere Spaziergänge wurden für mich zur Qual und ich ging mit Luca anderen immer weiter aus dem Weg. Kurzum, bald war es nicht mehr erträglich und ich sah ein, dass Luca erhebliche Erziehungsdefizite hatte.

Ich begab mich, Luca und seine Erziehung in kompetente Trainerhände. Die nächsten zwei Jahre stritten Luca und ich uns teilweise heftig über die Inhalte seiner Erziehung. Luca war ein ausgesprochen Charakterstarker und selbstbewusster Hund und nur weil einer meinte, er könne ihm sagen was er zu tun oder zu lassen hat, hieß das noch lange nicht das Luca es auch annahm. Die mildeste Form seines Protests war den Menschen völlig zu ignorieren, aber wenn das nicht half, konnte Luca auch sauer werden und dann knurrte oder schnappte er auch mal. Um Luca eine gute Besitzerin zu sein, musste ich eine bessere Hundeführerin werden. Ich hatte eine sehr steile Lernkurve vor mir. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur Hunde erzogen die mir gefallen wollten und sehr leicht erziehbar waren.

Aber meine Liebe zu Luca war groß genug mich dieser Aufgabe zustellen, auch hatte er meinen Ehrgeiz entfacht, und ganz so leicht wollte ich nicht das Feld räumen. Was folgte war ein manchmal sehr steiniger Weg mit einigen Rückschlägen, aber weder Luca noch ich gaben auf. Das Schönste daran war das wir Freude am Arbeiten entwickelten. Luca drehte sich von einem Hund der mich nur als Personal sah, zu einem Hund der aufmerksam und präzise mit mir arbeitete. Je mehr wir zusammen arbeiteten, je enger wuchsen wir zusammen. Wir erreichten oft einen Zustand voller Harmonie wo es schon schien als würden wir durch unsere Übungen zusammen tanzen. Wenn wir das schafften, strahlten seine klugen Augen voller Freude und er lächelte über das ganze Gesicht.


Auch Zuhause hatte sich die Situation wesentlich verbessert, er war immer noch mein liebevoller Schatten, aber ich konnte ihn auch mal wegschicken wenn er im Weg war. Er konnte gut alleine bleiben und nahm auch seine Aufgabe als Wachhund gerne auf, wenn ich nicht da war. Tatsache ist, dass Luca mich in diesen Jahren genauso viel, wenn nicht mehr erzogen hat als ich ihn.

Aber die Beziehung wurde immer tiefer je mehr wir auf einander achteten. Ich begann ihn zu beobachten und konnte schon an den kleinsten Bewegungen seine Gemütslage erfassen und umgekehrt. Unsere Unterhaltung wurde eine ohne Worte. Und obwohl wir durchaus ohne den Anderen klar kamen, waren wir am Glücklichsten wenn wir unsere Zeit zusammen verbringen konnten. Luca wusste immer wann ich seinen seelischen Beistand brauchte und umgekehrt.
Als ich einmal eine schwere Grippe hatte und mit den Hunden allein Zuhause war, half er mir ins Badezimmer und zurück ins Bett weil ich so zittrig und schwach vor Fieber war. Er bot mir seinen Rücken zur Stütze an. Er blieb bei mir die ganze Zeit im Bett und verließ mich nur um draußen sein Geschäft zu verrichten. Er hatte auch keine Probleme dunklen Elementen gleich klar zu machen, dass er mich bis aufs Blut verteidigen würde. Luca stand in jeder Situation souverän an meiner Seite und für mich gab es nichts Schöneres als an seiner Seite zu stehen.

Unsere Beziehung vertiefte sich mit jedem Jahr. Es war manchmal schon komisch, bekam ich eine Erkältung, hatte er sie auch. War mir schlecht, kotzte er. Hatte er Durchfall konnte ich davon ausgehen das mich das Übel auch heimsuchen würde. Wir fühlten die Schmerzen, Freude, Ärger und auch Frustrationen des Anderen. Bis zum Schluss, als er sehr krank wurde. Wenn er nicht mehr hoch kam, verbrachte ich meine Nächte mit ihm auf seiner Matratze und wir litten zusammen.


Und dann kommt dieser beschissene Moment wo man schlagartig wieder alleine ist. Man hat immer noch die gleiche Familie, Freunde, und auch die anderen Hunde und trotzdem ist da das Gefühl jetzt ganz alleine zu sein. Dieser Verlust, dieses Pfund Fleisch, das aus Herz und Seele gerissen wird, ist der Preis einen Seelenhund gehabt zu haben. Der Schmerz ist sehr heftig und die Trauerarbeit super hart. Aber egal wie weh es jetzt tut, ich würde alles auf Stelle noch mal machen, auch die nicht so tollen Zeiten, nur um diesen Hund in meinem Leben zu haben.

Ich hatte das Glück von Lucas 9 Jahren circa 6 Jahre die Welt durch seine Augen zusehen. Ich konnte mit ihm in der Gegenwart leben wie Hunde es nun mal tun und dabei Vergangenheit und die Sorgen um die Zukunft vergessen. Alleine gelingt mir das noch nicht so richtig, aber ich übe fleißig mit Leo und Lilly das beizubehalten. Ich weiß nicht ob ich je wieder einen Seelenhund bekomme, aber ich bin sehr dankbar dass ich einmal so eine Beziehung mit einem Hund erleben durfte. 


Kommentare:

  1. Wie soll ich jetzt schlafen ?
    Dein Post ist so wahnsinnig toll. So viele Taschentücher hab ich gar nicht, wie ich brauche...
    liebe Grüße von Sylvia

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  2. Ohje, jetzt laufen mir die Tränen übers Gesicht und mir fehlen die richtigen Worte.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft.
    Liebe Grüße vom Emma und Lotte Frauchen

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  3. Mir geht es wie den Schreibern vor mir. Ich bin tief gerührt und weine. Ich freue mich, dass Du Luca haben und so ein tiefes Gefühl für ihn erleben durftest. Ein besonderes Geschenk, das seinen Fortgang schwerer macht.

    Leider finde ich nicht die richtigen Worte, aber ich wollte wenigstens einen kurzen Gruß und liebe Wünsche für Dich da lassen.
    Viele mitfühlende Grüße

    Sabine mit Socke

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  4. Hast Du wunderschön geschrieben!

    LG,
    Ralph

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