Freitag, 7. Februar 2014

Wie wir den Sonnenschein gemopst haben


Hey, Dusselchen wach auf! Nu mach schon, Mami hat Schreiblaune und schreibt deine Geschichte.

Wirklich? Bin ich dran? Mami schreibst du jetzt dass ich dein Sonnenscheinchen bin? Und wie toll ich sabbern kann? Und dann kannst du denen noch sagen wie toll ich nachts immer deine Beine wärme, so toll das du gar keine Decke brauchst. Und richtig toll sabbern kann ich auch.

Nun komm mal wieder runter Kleiner. Ja, jetzt ist deine Geschichte dran und wie du zu uns kamst.

Das ist aber nicht so eine schöne Geschichte wie die von Lilly, Leute werden immer ganz traurig wen du das erzählst, und komisch angucken tun mich die dann auch. Erzähle ihnen doch lieber wie toll ich spielen kann, oder wie sauber ich immer deine Joghurtbecher lecke, Mami. Das andere doofe Zeug ist doch schon ganz lange her und außerdem mag ich daran gar nicht denken, das macht mich nur bange.

Komm Dusselchen, leg dich zu mir, ich lecke dir die Ohren dann kriegst du gar nicht mit was die Mami schreibt. Und wenn dir was bange macht schicken wir den dicken Schwarzen vor, der regelt das dann.

Wirklich die Ohren? Oh, fein! Ich liebe es meine Öhrchen geleckt zu bekommen. Sophie hat mir auch immer die Öhrchen geleckt wenn mir bange war.

Und bange war es unserem Leo leider noch eine sehr lange Zeit bei uns.

Es war November 2006 als ich das erste Mal ein Foto von Leo sah. Es stammte aus einer Verkaufsanzeige eines Online Portals und war mir von dem damaligen Vorstand von Notdogge zugesandt worden. Wir telefonierten wie so oft und Peter war so wütend und traurig über das Jammerbild dieses Welpen. Das Bild zeigte einen sehr kleinen, sehr abgemagerten gelben Doggenwelpen mit dick vereiterten Augen. Der Kleine sollte 5 Monate sein und die Besitzer wollten noch 500 Euro für dieses Häufchen Elend haben. Notdogge waren die Hände gebunden; die Vereinsstatuten erlauben nicht das Freikaufen von Hunden, sondern nur die kostenlose Überlassung des Hundes an die Organisation. Peter hatte die Verkäufer schon angerufen und ihnen eine Übernahme angeboten. Doch vergebens, die Leute wollten unbedingt Geld sehen für den Welpen.

Die kommende Nacht lag ich wach, ständig den traurigen Blick dieses Hundekinds vor Augen. Um 5:00 Uhr stand ich auf und weckte meine beiden ältesten Töchter. Ich bat sie beide von der Schule Zuhause zu bleiben und trug der Ältesten auf sich um die jüngste Tochter und die Hunde zu kümmern. Meiner mittleren Tochter Athena, trug ich auf sich schnell anzuziehen denn wir würden heute über 1000 km fahren um einen kleinen sehr traurigen gelben Doggenmann zu retten. Der Kleine war leider sehr weit weg in Niedersachsen zuhause.

Um 6:00 waren wir startbereit und sausten los. Ein Plan hatte ich nicht wirklich wie ich den Kleinen dort heraus bekomme, aber ich hatte ja etwa 6 Std. Fahrzeit um mir darüber Gedanken zu machen. Eigentlich bin ich ja nicht der Typ für Kurzschlusshandlungen, besonders wenn es um Tiere geht, aber der Kleine hatte mich im Herz erwischt und irgendwie fühlte ich mich als würde er mich zu ihm rufen. Als ich so durch Deutschland fuhr hatte ich schon meine Zweifel ob ich hier das Richtige tue, und ich wollte auf keinen Fall diesen Leuten auch noch Geld in den Rachen schieben für die eindeutige Misshandlung des Welpen. Aber sollten alle Stricke reißen, wäre ich sogar gewillt den Kleinen frei zu kaufen um ihn dann Notdogge zu übergeben. Ich war so in meine Gedanken vertieft das die Zeit und die Fahrt an mir vorüber rauschte. Bevor ich wirklich zu einem festen Entschluss kam wie ich das Kind nun schaukeln würde, stand ich vor dem Wohnhaus der Besitzer mit meinem Finger auf der Klingel.

Diese Leute lebten in einem etwas schäbigen Mehrfamilienhaus im dritten Stock in einer sehr kleinen Wohnung. Eine Frau öffnete mir die Türe und ich erklärte Ihr dass ich da wäre den Welpen abzuholen. Sie war etwas überrumpelt da ich mich vorher ja nicht angemeldet hatte, aber Gott sei Dank rannte der Kleine gleich auf mich zu und freute sich so heftig mich und Athena zu sehen, dass es unmöglich war ein Wort zu verstehen. Er benahm sich als würde er uns schon ewig kennen und als er hätte er sehnsüchtig darauf gewartet dass wir kommen.

Ich fragte die Frau ob meine Tochter den Kleinen nach draußen nehmen dürfte während wir uns unterhalten. Sie stimmte zu und meinte der Hund würde sonst eh gleich wieder in die Wohnung pinkeln. Athena schnappte sich die Leine die dort herum lag und legte sie dem Kleinen um. Der Kleine folgte ihr die Treppen herunter ohne sich einmal nach seinen Leuten umzusehen. Als ich in die Wohnung trat schlug mir schon der Gestank von altem Pipi in die Nase. Außerdem rannte da ein ungepflegtes halbnacktes kleines Mädchen herum, und überall standen dreckiges Geschirr, volle Aschenbecher und leere Bierflaschen. Die Dame des Hauses erklärte mir der Hund müsse weg da er egal wie sehr sie ihn straften einfach nicht sauber würde und er jetzt sogar das Kind anknurren würde. Aber sie hätten diesen Hund mit Papieren gekauft und daher wollten sie noch 500 Euro dafür haben. Sie hätten schließlich Ausgaben gehabt.

Ich war auf einen Schlag super wütend und eiskalt. Ich sah dieser Frau fest in die Augen und erklärte ihr dass sie mir jetzt sofort den Impfpass und die Papiere des Welpen aushändigen solle, oder dass ich in fünf Minuten mit dem Veterinärsamt und der Polizei anrücke und sie der Tiermisshandlung anzeigen würde. Darüber hinaus würde ich gleich auch Anzeige beim Jugendamt erstatten wegen der eindeutigen Vernachlässigung ihrer Tochter. Keine Ahnung warum das funktioniert hat (ich muss wohl überzeugend gewirkt haben), die Frau händigte mir sehr verdattert die Papiere des Welpen und ich war in Sekunden unten in meinem Auto mit meiner Tochter und dem Kleinen und machte mich vom Hof.

So schnell war ich noch nie auf der Autobahn. Ich schaute ständig in den Rückspiegel und erwartete eigentlich dass ich irgendwann ein Blaulicht hinter mir sehe. 200 km später war mir plötzlich klar, ich hatte tatsächlich einen Welpen gemopst. Irgendwie war mir schon komisch in der Magengrube und der Kleine musste ja bestimmt auch mal Pipi so steuerte ich den nächsten Rasthof an. Da schaute ich mir zum ersten Mal den Welpen genau an. Schnell sammelten sich heiße Tränen in meinen Augen. Er war bis auf die Knochen abgemagert, an einigen Stellen hatte er Schrammen, seine Augenlider waren zerschnitten, und seine Augen sehr entzündet. Seine Nase war heiß und trocken. Der Kleine musste wirklich und hatte einen sehr wässrigen stinkenden Durchfall. Überhaupt roch der Kleine schlimm, nicht nur das Fell war verdreckt, sondern auch sein After und die Ohren. Aber das Schlimmste war, dass er sich sofort unterwürfig wegduckte wenn ich ihn streicheln wollte. Dieser Hund war Schläge gewohnt. Ich kaufte eine Flasche Wasser und der Kleine war so durstig dass er die ganzen 1.5 Liter trank.

Das Beste was ich jetzt tun konnte war den Kleinen so schnell wie möglich zum Tierarzt zu bringen. Also fuhren wir wieder weiter. Der Kleine lag zufrieden neben Athena auf der Rückbank. Athena fragte mich wie der Kleine denn heißt. Die Frau hatte ihn Zeus genannt und in seinen Papieren stand der Name Salamis Vestris. Beides Namen die mir nicht sehr passend erschienen. Also sagte ich im Spaß: „Frag ihn doch wie er heißen möchte.“

Oh das ist meine Lieblingsstelle der Geschichte, darf ich weiter erzählen, darf ich? Klar Kleiner, darfst du. Also Athena hat mir ganz ganz viele Namen vorgesagt. Und da waren schon einige die Ok waren, aber die waren gar nicht ich. Und dann und dann kam ein ganz weiches liebes Leo von ihr. Und ich musste mich so freuen dass ich ihr das Gesicht ablecken musste und sie wurde auch gar nicht böse dass ich sie geleckt habe und sie hat mir sogar einen dicken Kuss wieder gegeben. Und dann hat sie wieder Leo gesagt und ich habe mich wieder ganz toll gefreut. Und dann hat sie Leo, Leo gesungen und ich habe mich gar nicht wieder ein bekommen. Und Mami hat gelacht und mich Leo gerufen und von da an hieß ich Leo. Der Name macht mich immer ganz glücklich und ich freue mich immer wenn man mich ruft.

Nach dieser Aufregung wurden die beiden auf der Rückbank müde und schliefen bald friedlich zusammen ein. Ich war zwar auch schon sehr müde aber ich musste uns wieder nach Hause fahren was ich dann auch ein paar Stunden später schaffte. Ich war ein wenig besorgt wie Luca und Sophie den kleinen Leo aufnehmen würden, aber wenigstens diese Nacht musste er bei uns bleiben. Sehr müde trudelten wir Zuhause ein. Luca und Sophie begrüßten uns und Leo an der Türe und schnupperten den Kleinen von oben bis unten ab. 


Luca versuchte gleich mit Leo zu spielen und Sophie packte den mütterlichen Waschlappen aus und säuberte erst mal dem Welpen Augen und Ohren. Obwohl es schon sehr spät war musste der Kleine in die Wanne da Athena ihr Bett mit Leo teilen wollte. Kurz nach dem Bad lag Leo schon sehr zufrieden mit Luca zusammen in dessen Körbchen.


Ich rief Peter an um ihm mitzuteilen was ich angestellt hatte. Er war sehr besorgt doch auch unendlich erleichtert dass ich den Welpen retten konnte. Er sagte mir seine Unterstützung zu und wir verblieben damit dass ich Leo morgen zum Tierarzt bringen würde.

Die Nacht verlief relativ ruhig bis auf die paar Male die Leo sich erleichtern musste. Der Kleine schaffte es selten nach draußen und zitterte jedes Mal in Panik wenn ihm das Pipi oder der Durchfall davon lief. Er war dann kaum zu beruhigen und legte sich platt wie eine Flunder auf den Boden.

Am nächsten Morgen fuhren wir dann zu Tierarzt. Unsere Tierklinik war schon Einiges gewohnt, aber als ich mit Leo aufkreuzte waren alle Helferinnen und Ärzte über seinen Zustand entsetzt. Fazit einer sehr langen und ausgiebigen Untersuchung: Leo hatte Darmparasiten, eine Blasenentzündung, starkes Untergewicht für seine Größe und Alter (er wog gerade mal 23 kg mit fünf Monaten das wiegen normalerweise Doggenwelpen bei der Abgabe mit 2 Monaten), er hatte schon Wachstumsstörungen, seine Beinen und Pfoten hatten Fehlstellungen und sein Rücken war hoch aufgezogen, beide Augenlider waren zerschnitten worden, ein Auge hatte schon Schädigungen durch die Entzündung erlitten. Nach dem er körperlich aufgepäppelt ist, wären Operationen nötig um das Augenlicht zu retten und die Lider zu richten.

Und das war eine lange Liste ohne alle die emotionellen Schädigungen die er erlitten hatte. Leo war super ängstlich und verfiel bei jedem lauten Geräusch oder schnellen Bewegung in blinde Panik.
Wieder zuhause berichtete ich Peter über Leo’s Zustand. Notdogge war bereit Leo zu helfen und da Leo bei uns so gut von Sophie und Luca aufgenommen wurde und sich auch schon sehr an ihnen orientierte beschlossen wir dass er bei uns bleiben würde zum Aufpäppeln.


Leo konnte nur selbstgekochte Nahrung bei sich behalten, so fütterten wir ihm viermal am Tag eine leckere Hühnchen-Reispampe mit Karotten. Er bekam Antibiotika, Schmerzmittel, Wurmkur, und seinen Augen mussten mehrmals zum Heilen gespült und mit Augensalbe behandelt werden. Er lernte nur sehr langsam dass wir seine Unsauberkeiten einfach wortlos wieder aufwischten. Jedes Mal wenn er einen Unfall hatte verfiel er in Panik. Er hatte vor allem Angst, man konnte kaum den Besen oder Schrubber in die Hand nehmen ohne dass Leo mit eingezogener Rute davon rannte. Auch draußen bekam er sehr schnell Panik, also blieb er immer an der Schleppleine. Gott sei Dank wurde dieser Zustand langsam besser je mehr er Luca vertraute alles für ihn zu regeln. Luca war erst 16 Monate als Leo zu uns kam. Und da Leo so ängstlich und unsicher war wurde Lucas Beschützerinstinkt sehr ausgeprägt. Hatte er vorher noch mit anderen Hunden gespielt, ließ er jetzt keinen anderen Hund mehr an sich und Leo heran.



Uns wurde sehr schnell klar dass wir Leo nie wieder hergeben würden. Wenn man so viele heftige Sachen mit einem Hund durchmacht verbindet das einfach zu stark. Es hätte schon nach 2 Monaten aller unser Herz gebrochen uns von ihm zu trennen. Leo hätte wieder sein gewonnenes Zutrauen verloren, und auch waren die beiden Jungs und Sophie unzertrennlich. Wo immer Luca war, war auch Leo, oft seinen kleinen Körper oder Schnauze dicht an den großen Bruder gedrückt. 


Die Augenoperation lief erfolgreich und der Tierarzt konnte Leos Augenlicht retten, wen er auch eine Sehschwäche auf dem rechten Auge behielt. Seine Lider konnten nicht wieder vollständig hergestellt werden, und er behielt was wir heute seinen Disney-Kulleraugenlook nennen. 



Seine Wachstumsstörungen konnte ich jedoch mit viel guten Futterzugaben, Krankengymnastik und Muskelaufbau einigermaßen beheben. Er hat heute einen schönen gerade Rücken, gerade Vorderläufe und nur hinten leicht ausgedrehte Pfoten. Er ist immer etwas zu schlank für mein Gefühl, aber das ist einfach so wie er ist. Er ist eher der sportliche Doggentyp.



Die nächsten Monate, ja sogar Jahre, waren nicht sehr einfach für mich. Ich hatte zwei ausgewachsene Doggenrüden von denen im Ernstfall einer nach vorne ging, und der andere versuchte in panischer Angst zu flüchten. Ich verbrachte sehr viel Zeit auf dem Hundeplatz und mit kompetenten Trainern um die Beiden führen zu können. 

Aber unsere Bemühungen wurden mit Erfolg gekrönt. Leo ist und wird immer ein ängstlicher Hund bleiben, jedoch weiß er jetzt das ihm Zuhause und auch mit uns nichts passiert und er ist meistens sehr entspannt. Ab und zu plagen ihn noch Albträume in denen er sehr jämmerlich weint, aber wir wecken ihn dann schnell und er beruhigt sich.

Unser Leo hatte einen langen Weg um uns zeigen zu können was er für ein Sonnenscheinchen ist, aber es war die ganze Zeit schon da. Leo ist ein so feinfühliger und lieber Hund, der einfach nur gefallen möchte. Ich nenne ihn auch immer unseren Gentleman.



Dein Sonnenscheinchen pennt und pupst, das nenne ich aber nicht gerade „Gentleman-like“. Aber das gelbe Dusselchen ist schon ganz OK. Man kann wirklich super mit ihm toben und er lässt mir auch immer was von seinen Leckerchen über. Das macht der dicke Schwarze nie. Die doofe Nuss die unser gelbes Dusselchen gehauen hat kann froh sein das ich da noch nicht da war, die hätte ich aber so in den Hintern gezwackt, so fest ich könnte.