Dienstag, 10. September 2013

Herbstgeschichten 1 – Der Findling

Der Herbst ist diese Woche endgültig eingezogen. Da wir Luxusdoggen rassespezifisch ein wenig wasserscheu sind, hat Regenwetter nicht wirklich etwas für sich. Aber der Herbst ist dennoch eine schöne Zeit für uns. Denn unsere Mami hat uns alle im Herbst als Welpen gefunden und nach Hause gebracht; Luca im September, mich Lilly, im Oktober und unser gelbes Dusselchen Leo im November. So ist es natürlich eine unserer Lieblingsbeschäftigungen im Herbst zusammen bei Kerzenschein auf der Couch zu kuscheln und Mami aufzufordern uns die Geschichten zu erzählen wie sie uns gefunden hat. Wie immer hat hier der Luca seine Nase vorn und darf als erster mit Mami erzählen (wie er schon wieder unnötiger Weise bemerkt ist er: a) der Älteste, beste und einzigartige Luca, und b) kommt der Monat September vor Oktober und November). 
Also hier für Euch Lucas Findelgeschichte:


Die nächste Gischt Wasser schlug Wellen auf meiner Windschutzscheibe. Quietschend in Protest kämpften die Scheibenwischer gegen die sintflutartigen Wassermengen an. Schemenhaft in der Dämmerung vor mir tauchte ein Lastwagen auf, der mir die Gischt direkt auf das Auto spülte. Meine klammen Finger umklammerten krampfhaft das Lenkrad während ich angestrengt durch den dichten Vorhang von Regen blinzelte um ja das Schild für einen Rastplatz nicht zu verpassen. Die stechenden Schmerzen in meinem Bauch verursachten mir Übelkeit. Ich hätte heute zu Hause bleiben sollen. Ich hasse weite unbekannte Strecken auf der Autobahn zu fahren, aber noch mehr hasse ich es bei schlechtem Wetter unterwegs zu sein. Wenn nicht bald eine Abfahrt auftauchte müsste ich entweder von dem Standstreifen Gebrauch machen, oder die nächsten drei Stunden der Heimfahrt in äußerster Peinlichkeit verbringen. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn und ich sandte ein Stoßgebet gen Himmel.

Da, endlich! Nächster Parkplatz 1000 m. Erleichtert atmete ich auf und zählte die Meter bis zur Abfahrt. Schnell schaltete ich meinen Blinker ein, die Abfahrt lag direkt vor mir. Sie führte in eine kompakte Schwärze die nur von den Reflektionen meiner Scheinwerfer auf die dicht fallenden Regentropfen durchbrochen wurde. Endlich tauchte der schattenhafte Umriss eines Gebäudes auf. Ich steuerte darauf zu, fand einen Parkplatz und stellte das Auto ab. Trotz meiner drängenden Not sah ich mich um bevor ich aus dem Wagen stieg. Mutterseelen alleine auf einem Autobahnparkplatz in der Finsternis zu sein ist unheimlich genug. Da ich keine andere Wahl hatte, stieg ich aus dem Auto aus, umklammerte meine Handtasche und rannte durch den peitschenden Regen auf die Toiletten zu. In dem blassen Schein einer einzigen Straßenlampe sah ich die Türe für die Damentoilette. 


Drinnen war es noch dunkler als draußen. Hektisch suchte ich die kalten Wände nach einem Lichtschalter ab, konnte in meiner Panik aber keinen finden. Ein heftiger Krampf in meinen Eingeweiden zwang mich zur Aufgabe. Ich tastete mich zur Toilettentür vor, wer weiß, vielleicht war es besser wenn ich nicht sah wo ich mich befand. Während ich da in der Kälte saß gingen mir irre Bilder von allen Gruselfilmen durch den Kopf, die ich je gesehen hatte. Da ich eine blühende Phantasie habe, die in solchen Situationen ein perverses Eigenleben entwickelt, hatte ich mich in kürzester Zeit selber in Angst und Schrecken versetzt. Endlich fertig wollte ich nur noch schnell in die warme Sicherheit meines Autos. Ich hastete nach draußen, wo mich sofort ein heftiger Schwall Regen empfing. Ich duckte mich und wollte gerade zu meinem Auto rennen, als hinter mir ein schauriges Winseln ertönte. Ich gefror während sich mir die Nackenhaare sträubten. Ich flog herum um die Ursache dieses Geräusches zu erkunden. Im tiefen Schatten des Gebäudes war nichts zu erkennen. Sofort schaltete sich mein Selbsterhaltungstrieb ein und befahl mir mich schleunigst in mein Auto zu flüchten. Mit einer Hand hielt ich meine Handtasche an mich gedrückt während die andere meine Autoschlüssel umklammerte.

Da, da war es wieder. Etwas schwächer und kläglicher, aber eindeutig ein Winseln. Was sollte ich machen? Ignorieren, oder mir ein Herz fassen und sehen ob jemand meine Hilfe benötigte?
Widerstrebend bewegte ich mich auf das Geräusch zu. Etwas bewegte sich im Dunkeln nahe dem Boden. Wieder erklang das Winseln. Oh je, ein kleines schwarzes Etwas. War es verwundetet? Ich kniete mich schnell hin und ergriff es. Es war klatschnass und zitterte am ganzen Leib als ich es hoch hob. Eine feuchte Schnauze schob sich mir entgegen und stieß abermals ein herzzerreißendes Wimmern aus. Ich eilte mit meiner bebenden Fracht zurück zu meinem Auto. Schnell öffnete ich meine Fahrertür und schob das kleine Bündel auf den Beifahrersitz. Von meinem Rücksitz griff ich nach einer Wolldecke um das Kleine abzutrocknen. Unter dem schwachen Licht meines Autos betrachtete ich meinen Fund. Vier riesige Pfoten, ein kleiner nasser schwarzer Körper, übergroße Ohren die bis auf den Sitz hingen und eine kleine schwarze Schnauze die immer noch leise maunzte. Wer in Gottes Namen war so bescheuert einen Bassetthund mit einem Labrador zu kreuzen? Vorsichtig trocknete ich den kleinen Burschen ab. Dabei murmelte ich die Fragen die ich mir stellte beruhigend vor mich hin. „Wo kommst du denn her? Wer hat denn dich hier gelassen? Oh, du armer Kleiner, komm wir sehen mal nach ob dir etwas weh tut. Komm habe keine Angst mein Kleiner.“ Ich suchte seinen kleinen Körper systematisch nach Verletzungen ab, aber außer einer Unterkühlung schien der kleine Kerl in Ordnung zu sein. Bei meiner Untersuchung stockte ich auf einmal. Der Kleine hatte zwei weiße kleine Zehen an der linken Hinterpfote, schnell sah ich auf seine Brust. Dort prangte ein runder weißer Fleck. Jetzt lief es mir kalt den Rücken herunter.

Er hatte die gleiche farbliche Markierung wie mein geliebter Trouble der 10 Tage zuvor von einem Auto überfahren wurde und dessen Verlust ich noch nicht überwunden hatte. Was sind die Chancen einen Welpen zu finden, der die gleiche Farbgebung hatte wie der Hund, den man 10 Tage vorher verloren hatte? Der Kleine sah mich jetzt ganz ruhig aus seinen schwarzen Knopfaugen an. Seine Öhrchen hingen schlapp herunter. Ich bot ihm meine offene Handfläche an. Er schnüffelte kurz an meiner Hand und legte dann schwer sein Köpfchen in meine Hand. Das war eine Geste die mein Trouble unzählige Male gemacht hatte. Heiße Tränen stiegen mir in die Augen. Ich wurde von meinen Gefühlen überwältigt. Hatte ich ihn wieder gefunden? War er in Gestalt dieses kleinen Kerlchens zu mir zurückgekehrt? Ich nahm das Hundebaby hoch in meine Arme und vergrub mein Gesicht in sein weiches Fell. Ich inhalierte seinen Babygeruch und ein unbändiger Wunsch diesen Kleinen vor allen Misslichkeiten des Lebens zu beschützen wuchs in mir. Der Kleine steckte seine Schnauze in mein Haar und schnüffelte befriedigt an meinem Ohr. Mit einem tiefen Seufzer entspannte sich das Tier und rollte sich auf meinem Schoss zusammen.

Eigentlich kann ich mich nicht mehr genau erinnern daran wie Mami mich gefunden hat. Aber ich habe schon oft davon geträumt, meistens wenn es kalt draußen ist und der Regen gegen die Fensterscheiben peitscht. Ich habe bis heute eine tiefe Abneigung gegen kalte regnerische Nächte und keiner, aber auch keiner bringt mich dazu in solchen Nächten nach draußen zu gehen außer Mami geht mit und bleibt dicht an meiner Seite. Ich will ja nie wieder verloren gehen. Es ist wirklich meine größte Angst Mami zu verlieren, deshalb folge ich ihr ja auch auf Schritt und Tritt. Mami nennt mich immer ihren Schatten.

Ich versicherte mich dass der Kleine ruhig schlief und stopfte die Wolldecke um ihn herum fest. Der Kleine seufzte zufrieden im Schlaf und ich fuhr los. Die nächsten drei Stunden auf der Autobahn vergingen wie im Flug. Meine Gedanken kreisten ständig um mein Findelkind, der Situation in der ich ihn gefunden hatte und die Bedeutung dieses Fundes in meinem Leben. Denn mir war jetzt schon klar dass ich dieses kleine Bündel behalten würde. Ich schätzte den Welpen so um die 5 –6 Wochen alt und wunderte mich welcher Mensch es über das Herz bringen konnte so einen kleinen Burschen auszusetzen.

Leider fand Mami nie heraus wer mich da so verstoßen hatte. Sie vermutet dass irgendein Vermehrer mich loswerden wollte. Ich kann mich auch nicht erinnern wo ich her komme, aber ich mag keine Keller und betrete diese nie freiwillig. Außerdem brauche ich täglich meine Nuckeldecke oder mein Nuckeltier, unser Tierarzt meinte das wäre ganz normal für Hunde die zu früh von der Mutterhündin genommen werden. Deshalb dürfen der gelbe Dussel und die weiße Zicke mich auch nicht auslachen wenn ich nuckele.

Konnte es wirklich Schicksal sein das mir dieses Hundekind bescherte? Wie würde meine Hündin Sophie reagieren? Sophie trauerte noch sehr um ihren Welpen Trouble. War es wirklich erst etwas mehr als ein Jahr als Trouble noch so klein war? Ein Gedanke jagte den anderen. Zwischendurch legte ich immer wieder meine Hand auf den Kleinen um ihn zu streicheln und zu sehen ob es ihm noch gut ging. Er schlief bombenfest, wahrscheinlich aus Erschöpfung.

Doch an die Geborgenheit in Mamis Schoss erinnere ich mich noch gut. Als Welpe lag ich dort sehr viel. Ich versuche heute immer noch ganz auf ihren Schoss zu krabbeln, aber irgendwie ist der eingelaufen. Bequem passen noch entweder Kopf oder Popo drauf, aber beides kriege ich nicht mehr hin.



Ich fuhr die ganze Zeit auf Autopilot und war etwas verwundert als ich schon zu Hause ankam und das Auto vor der Garage parkte. Sofort rührte sich der Kleine und wachte auf. Ich nahm ihn vorsichtig mit seiner Decke hoch. „Jetzt sind wir zu Hause mein Kleiner. Gleich bekommst du etwas Feines zu fressen und lernst den Rest der Familie kennen.“ Ich trug ihn ins Haus. Meine Freundin saß mit meiner Tochter Athena und deren Freund in der Küche. Athena sprang auf als sie das Hundebaby in meinen Armen sah und schaute ihn mit großen Augen an. „Och ist der süß! Mami wo hast du denn den her?“ Ich setzte den Kleinen auf dem Küchenboden ab. Er lief sofort zitternd unter den Küchentisch um sich zu verstecken. Athena krabbelt hinterher um ihn zu beruhigen. Sophie kam und begrüßte mich. Dann schnupperte sie kurz an dem Kleinen, schaute mich vorwurfsvoll an und trollte sich ins Wohnzimmer. Sie beschloss mich mit Nichtachtung zu strafen. Was fiel mir auch ein so kurz nach ihrem geliebten Troubles Tod ein neues Baby nach Hause zu schleppen.

Gott sei Dank hat sich Sophies Nichtachtung schnell gelegt. Ich bin ja auch so ein süßes Kerlchen das mich alle gleich lieb haben. Sophie hat mich gleich am nächsten Tag als Pflegewelpen adoptiert und war mir eine sehr liebevolle Hundemutter.

Meine jüngste Tochter Antigone kam aus ihrem Zimmer um ebenfalls den neuen Zuwachs zu begrüßen. Natürlich musste ich für alle die Geschichte des Fundes noch einmal ganz genau erzählen. Sofort begann die Familie ebenfalls zu spekulieren wie der Kleine wohl an die Autobahnraststätte geraten sei. Der Kleine inzwischen mutiger, fing an die Küche auszukundschaften und alles genau zu beschnüffeln.

Natürlich habe ich gleich mein neues Revier erschnüffelt. Besonders gut roch so ein riesiges weißes Ding in der Ecke. Mami nennt das Ding Kühlschrank und heute weiß ich das da unsere Leckerchen drin sind.

Wir versuchten eine Rasse zu definieren. Er sah ein wenig wie ein Bluthund aus, da seine Ohren übergroß für den kleinen Kopf wahren und seine Unterlider etwas herunter hingen, sodass man das Rote in seinen Augen sehen konnte. Seine Schnauze war kantig, und seine Stirne in tiefe Denkerfalten gehüllt. Seine Beine waren sehr stämmig mit sehr großen Pfoten. Klein würde dieser Welpe sicher nicht bleiben. Sein seidiges Fell war kurzhaarig und tiefschwarz.

Haha, Mami war komplett ahnungslos. Die hatte noch nie im Leben einen Doggenwelpen gesehen. Wenn die damals gewusst hätte was ich ihr alles in den nächsten Jahren noch beibringen würde. Ich habe ihr gezeigt wie toll Deutsche Doggen sind, da ich natürlich die beste und schönste Dogge aller Zeiten bin.



Im hellen Küchenlicht bemerkten wir ein paar kleine Abschürfungen an Beinen und Bauch die wir gleich mit einer Wundheilsalbe versorgten. Wir boten dem kleinen Hund etwas Wasser und Trockenfutter an, das er gierig annahm. Während er fraß überlegten wir uns schon einen Namen für ihn. Aber hier gingen die Geschmäcker weit auseinander.
Undine schlug sehr viele Namen vor, aber nur einer ihrer Vorschläge gefiel allen: Luca. Wir boten uns trotzdem noch Bedenkzeit aus, auch weil die ganze Familie noch nicht zusammen war. Meine älteste Tochter Antoinette war nicht zu Hause und würde erst morgen wieder da sein. Athena nahm den Kleinen mit in den Garten um sein Geschäft zu machen. Meine Freundin musste sich verabschieden und bald war ich alleine mit meinem Hundebaby. Ich schnappte mir den Kleinen und ging ins Bett. Nach so einem traumatischen Erlebnis sollte der Kleine nicht noch alleine schlafen müssen. Er legte sich vertrauensvoll in meine Arme. Seine Schnauze grub sich unter meine Haare in meine Halsbeuge, wo er zufrieden schmatzte. Ich streichelte seinen warmen, zarten, rosa Babybauch. Ich dachte an Trouble und jetzt an den Kleinen. Wieder wie auch in den vergangenen Nächten stiegen mir die Tränen in die Augen, aber diesmal waren es auch Tränen des Glücks.



Ich habe Mami wieder glücklich gemacht. Und auch heute machen Mami und ich uns immer glücklich. Am Liebsten sind wir die ganze Zeit zusammen. Wenn Mami arbeiten gehen muss sind wir immer traurig weil ich nicht mit darf. Aber dafür weiche ich nicht von Mamis Seite wenn sie zu Hause ist. Die Zicke und der Dussel sind manchmal eifersüchtig, aber die dürfen ja auch kuscheln kommen, und wir spielen oft Dane Train. Das ist ein ganz tolles Spiel da laufen wir den ganzen Tag Mami alle zu dritt hinterher. Da freut sie sich immer ganz dolle und seufzt ganz tief vor Glück.
Tja, wenn es nach mir gegangen wäre hätte die Geschichte hier jetzt ein Ende. Aber da kamen ja dann später noch das Dusselchen und das Zickentier. Das Dusselchen kam zwar ein Jahr später im November und die Zicke vier Jahre später im Oktober, aber da Mami wohl eher nach Monaten als Alter erzählt dürft ihr Euch auf die Zickengeschichte im Oktober freuen. Passt sowieso besser für die Hexe da ist nämlich auch Halloween.
Einen dicken Schlabbergruss

Euer Luca